Vielen Dank, dass Sie sich für unsere Bühne interessieren und mehr über uns erfahren möchten.


Die Entstehung und Entwicklung der Niederdeutschen Bühne in Oldenburg,
der

August-Hinrichs-Bühne

ist kulturgeschichtlich sehr bemerkenswert, denn sie ist gleichermaßen erfolgreich wie auch wegweisend bei der Mitgestaltung der niederdeutschen Literatur und damitvon einer wertvollen zeitgeschichtlichen Aussagekraft. Vorweg sollte schon einmal erwähnt werden, dass die August-Hinrichs-Bühne die unterschiedlichsten gesellschaftspolitischen Phasen in ihrer rund 85-jährigen Geschichte stets erfolgreich und zukunftsorientiert bestanden hat.
Als am 21. März 1921 der Ollnborger Kring gegründet wurde, war der Aufbau einer plattdeutschen Bühne ein besonderes Anliegen aller Verantwortlichen. So wurde auch sofort unter der Leitung von Dr. August Frese, der auch der erste Kringbaas war, den Brüdern Emil und August Hinrichs und anderen eine Späälkoppel aufgebaut, die schnell den Weg in die Öffentlichkeit fand.
KringratZunächst muss aber noch einmal kurz an die Zeit um 1920 mit ihren furchtbaren politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Wirren erinnert werden.
Der 1. Weltkrieg war gerade zweieinhalb Jahre vorbei und hatte aus der anfänglichen Euphorie für jeden Einzelnen, für die Gesellschaft und für das politische Gemeinwesen Deutschland nur Kummer, Enttäuschung, Unsicherheit und große Armut hinterlassen.
Die Menschen litten entsetzliche Not. Sie hatten ebenso Hunger auf ein Stückchen Brot wie auch Hunger auf etwas Kultur; Körper, Geist und Seele waren gleichermaßen ausgebrannt.

Besonders in dieser Anfangszeit hat sich die gerade - im Zuge der Gründung des Ollnborger Kring - etablierte Späälkoppel hohe Verdienste erworben. Dies war übrigens gar nicht so leicht, denn es gab nur wenig geeignete Theaterstücke, keine Kostüme kei-ne Requisiten, keinen Spiel- und Übungsraum und keinerlei Bühnenerfahrung. Aber die kleine hoch motivierte Spielschar schaffte es dennoch. Geübt wurde zunächst auf dem ungeheizten Hausboden in Emil Hinrichs Weinhandlung in der Haarenstraße Nr. 60 (später Kepa, dann Kaufhalle und heute Zara). Gespielt wurde dann in dem bis zu 800 Personen fassenden Saal der Gaststättenbetriebe „Union“ an der Heiligengeiststraße (später Hertie und heute Saturn), im Freilichttheater im Ziegelhof und in anderen kleineren Saalbetrieben.
Auch auf die Gefahr hin, dass hier die eine oder andere wichtige Persönlichkeit vergessen werden könnte, müssen doch schon einmal ein paar Namen genannt werden, die gleich in der Anfangszeit der Späälkoppel mitgearbeitet haben und damit der Niederdeutschen Bühne Oldenburg über Jahre ein Gesicht gegeben haben.

Es waren Persönlichkeiten wie Emil Hinrichs, Hans Rastede, Dodo Goerts, Gertrud Zedelius,Lulu Freese, Ella Pagel, Fritz Hoopts, Emil Riemer, Hella Schöttler, Agnes Diers, Georg Glaesecker, Berta Wellmann, Adolf Weddi und seine Schwester Mathilde
(Tilly genannt und später Leiterin der Danzkoppel des Kring), Fritz Binder, Arthur Bayerlein, Dr. Ivo Braak, später denn auch schon Carl Hinrichs, u.v.a.
Literaturgeschichtlich muss noch darauf hingewiesen werden, dass das niederdeutsche Bühnenspiel zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch sehr jung und unreif war. Durch die großartigen Schriftsteller Klaus Groth, John Brinckman, Fritz Reuter, Theodor Dierks u.a. gab es zwar seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, nach fast zweihundertjährigem niederdeutschem Literaturschlaf, wieder niederdeutsche Lyrik, Prosa und Kurzprosa,aber noch kaum spielbare Theaterstücke. Erst Schriftsteller wie Hermann Boßdorf,Gorch Fock, der eigentlich Johann Kinau hieß, Paul Schurek und etwas später die jüngeren, aber noch im 19. Jahrhundert geborenen Autoren, wie August Hinrichs, Karl Bunje, Erich Schiff, Hans Ehrke, Alma Rogge, Wilfried Wroost, Karl Wagenfeld, Ivo Braak, Fritz Stavenhagen, Friedrich Lange, Heinrich Diers u.a. schafften es, um die Jahrhundertwende niederdeutsche Theaterstücke zu schreiben, die durch ihre kraftvolle Sprache und meisterlich aufgebauten Darstellungsmöglichkeiten, nachhaltig aufhorchen ließen.

Am 21. Oktober 1921 wagte sich die Späälkoppel vom Ollnborger Kring mit dem Ein- akter „Dat Schattenspill“ von Hermann Bossdorf bereits auf die Bühne. Kurz darauf folgten die Stücke „Cilli Cohrs“ und die „Doggerbank“ von Gorch Fock, „Marie“ von August Hinrichs, bis sich die junge Bühne am 12. Dezember 1922 erstmals an einen Dreiakter wagte. Sie spielte „De Stratenmusik“ von Paul Schurek; mit den unvergessenenStratenmusik Stratenmusikern Hans Rastede, Fritz Hoopts und Emil Hinrichs.
Nach mehr als vierzig Proben auf dem kalten Dachboden von Emil Hinrichs Weinhandlung wird die Aufführung zu einem großen Erfolg. Das Stück muss 44mal aufgeführt werden und immer sind die Vorstellungen ausverkauft. Das bedeutete, dass etwa 30 000 Zuschauer dieses niederdeutsche Theaterstück gesehen haben. Statistisch hatte also fast jeder zweite stadtoldenburger Bürger das Stück gesehen. Der weitaus größere Wert lag aber in der Erkenntnis, dass das Niederdeutsche Theater von nun an als Kultursparte ernst genommen wurde. Die damals mit Vorurteilen voll gestopften und selbst ernannten Kritiker, die ihr Erscheinen mit der abfällig gemeinten Bemerkung erklärten, „Wi wüllt us den Spiejöök ok mal ankieken!“ verstummten jäh und das Niederdeutsche Theater wurde schnell zu einer gesellschaftlich anerkannten Kultureinrichtung.
Dies ist für den damaligen Intendanten des Oldenburger Landestheaters, Renato Mordo, Grund genug, dieser erfolgreichen Spielabteilung des Ollnborger Kring schon im Jahre 1923 – also zwei Jahre nach ihrer Gründung - den Vorschlag zu machen, sich als Laienbühne mit dem Namen „Niederdeutsche Bühne“ dem Landestheater Oldenburg anzu-gliedern und unter deren künstlerische Leitung zu stellen.
Dr. August Frese und andere Verantwortliche vom Ollnborger Kring waren klug genug, um zu erkennen, dass der Erhalt und die Weiterentwicklung der niederdeutschen Dramatik doch mehr Professionalität bedurfte als dies ein Heimatverein in der Lage war zu leisten.

So schließt sich die Bühne im Jahre 1923 als selbständige Abteilung dem Landestheater Oldenburg an. Dr. August Frese bleibt Leiter dieser Abteilung und Carl Randt vom Landestheater übernimmt für einige Jahre die künstlerische Leitung. Unter seiner Regie erlangt die niederdeutsche Theatergruppe in Oldenburg nicht nur einen hohen Stand in der Darstellungskunst, sondern auch die einzelnen Spieler erreichen teilweise ein bemerkenswertes professionelles Niveau.
Diese Konstellation, eine Gruppe von Laienspieler unter professioneller künstlerischer Leitung eines großen Theaters zu stellen, ist in Deutschland wohl immer noch einmalig und hat in Oldenburg bis heute Bestand. Die Bühne spielte nun jedes Jahr mehrere Stücke und wurde ein fester Bestandteil der Oldenburger Kulturszene. Sie hatte aber auch das Glück, dass es mit August Hinrichs, Karl Bunje, Alma Rogge und Friedrich Lange, aber auch noch andere, gleich vier hoch begabte und sehr produktive Theaterautoren im Oldenburger Bereich gab, deren Stücke oft Swienskommaßgeschneidert für die Oldenburger Bühne waren.
August Hinrichs, der der Bühne stets sehr eng verbunden blieb, schrieb viele niederdeutsche Theaterstücke, die – bis auf „De Aukschon“ - alle von der Oldenburger Bühne uraufgeführt wurden. Die drei wichtigsten und bis heute bekannten Bauernkomödien waren: 1930 „De Swienskummedi“, 1933 „Wenn de Hahn kreiht“ und 1938 „För de Katt“. De Swienskummedi war mit 29 Aufführungen und zwei Verfilmungen unter dem Titel „Krach um Jolante“ wohl das erfolgreichste Theaterstück von August Hinrichs. Die Komödie „Wenn de Hahn kreiht“ wurde zum Jubiläum „100 Jahre Landestheater“ uraufgeführt und die die Inszenierung der Uraufführung „För de Katt“ wurde auch im Rahmen des Niederdeutschen Bühnentages in Wismar aufgeführt, bei dem August Hinrichs mit dem Stavenhagen-Preis ausgezeichnet wurde. Diese drei Theaterstücke waren von nun an jahrzehntelang tausendfach auf Hoch- und Plattdeutsch auf den Bühnen in ganz Deutschland und teilweise darüber hinaus zu sehen.




Die Niederdeutsche Bühne Oldenburg ehrte ihren Freund, Förderer und literarischen Begleiter August Hinrichs am 18. April 1939, zuaugusth dessen 60.
Geburtstag damit, dass sie sich in „August-Hinrichs-Bühne“ umbenannte. 

Das niederdeutsche Bühnenspiel ist in der Zeit des Nationalsozialismus 1933 - 1945 schwer zu beurteilen. Die Gesamtszene bietet ein völlig zerrissenes Bild. Es gab ständig Reibereien zwischen den bestehenden Gruppen und Absplitterungen mit einer neuer ide-ologischen Ausrichtung, dem Anspruch der niederdeutschen Sprache und der des Büh-nenspiels, der NS-Ideologie und vor allem der mit unterschiedlichen Ansätzen agierenden Personen. Dies alles wird aber bereits im Herbst 1934 sehr gebremst, weil das Niederdeutsche Theater in die NS-Kulturgemeinde geführt wird und damit der ideologischen Gleichschaltung unterlegen ist. Die kulturellen Ziele bestimmt ab jetzt die NSDAP. Ein sonst kaum genanntes Phänomen schleicht sich zunächst unbemerkt in die politische Wertigkeit der niederdeutschen Sprache. Weil die Nazis das „Großdeutsche Reich“ mit dem Anspruch einer deutschen Weltsprache verfolgten, passte das Plattdeutsche als Regionalsprache nicht mehr so recht in diese Zielsetzung und wurde aus der offensiven Propaganda herausgenommen.Dem Oldenburger Gauleiter Carl Röver war dies alles egal, er wollte die 700-Jahr-Feier der Schlacht bei Altenesch nutzen, um sich selbst mit einem monumental ausstaffierten Theaterstück, für das in Bookholzberg extra eine gewaltige Freilichtbühne geschaffen wurde, ein Denkmal zu setzen.Zu diesem Zwecke überredet er August Hinrichs aus einer kleinen Vorlage, die dieser bereits 1929 geschrieben hatte, das Theaterstück „De Stedinge“ zu schreiben.
So entstand über den am 27. Mai 1234 stattgefundenen Freiheitskampf der Stedinger in der Schlacht bei Altenesch, ein Historienspiel in drei Akten. Dieses wurde am 27. Mai 1934 in der riesigen Freilichtbühne Bookholzberg in einer pompösen ausstaffierten Urauf-führung durch die Niederdeutsche Bühne Oldenburg und unter der Regie von Gustav Rudolf Sellner aufgeführt. 
Die August-Hinrichs-Bühne spielte auch in den Kriegsjahren weiter und war auch im Rahmen von KDF (Kraft durch Freude) in den Jahren 1940/41/43 zur Truppenbetreuung auf Tournee. Die kleine Spielschar spielte an der Westfront, in Holland und Dänemark, wie auch in Bulgarien, Rumänien und an der Schwarzmeerfront. Bis zum 18.4.1944, mit dem Stück „Sware Tied“ von August Hinrichs, konnte die Bühne den Spielbetrieb noch aufrechterhalten, dann versiegte alle Kultur im Getöse des nahenden Ende eines furcht-baren Krieges, der durch den Nationalsozialismus in menschenverachtender Brutalität über die Welt gebracht worden war. Im Jahre 1944 starb auch Emil Hinrichs, er war Gründer, Spieler und stets ein starker Motor und Förderer dieser Bühne.
Es war eine glückliche Fügung, dass sein Sohn Carl Hinrichs immer mehr zu einem guten Schauspieler und zu einer starken, führenden Persönlichkeit in der AHB wurde und in die Aufgaben seines Vaters wuchs. Im Mai 1945 war der Krieg zu Ende. Die Folgen waren furchtbar, Deutschland lag vernichtet, völlig rechtlos und von der Welt verschmäht und verachtet am Boden. Die Not,vor allem aber die Scham über das millionenfach angerichtete Leid, war wohl noch größer als nach dem 1. Weltkrieg. 
Aber es gab großartige Persönlichkeiten, die sich dem NS-Regime widersetzt hatten und nun mit Mut und Elan bereit waren, sich unverzüglich an dem Wiederaufbau zu beteili-gen. In Oldenburg gehörte der liberale Schriftsteller Heinrich Diers zu diesen Menschen. Er hatte sich erfolgreich gegen das NS-Regime gestellt und wurde jetzt von seinen Freun-den und den neuen demokratischen Kräften überredet, den Ollnborger Kring wieder zu beleben. Schnell fand er alte, aber auch neue Persönlichkeiten, die sofort bereit waren mitzuarbeiten und ihn tatkräftig zu unterstützten. Obwohl der Ollnborger Kring und die August-Hinrichs-Bühne zwei selbständige Vereine waren – die Nazis hatten sie zeit-weilig wieder zusammengelegt – verband Heinrich Diers „diese Geschwister“ durch eine gut überlegte Personalunion sehr eng miteinander. Durch geschickte Verhandlungen mit den Alliierten schaffte er es, dass für den Ollnborger Kring das allgemeingültige Versammlungsverbot aufgehoben wurde. Durch seine weitsichtige Personalstrategie, hatte er die August-Hinrichs-Bühne in die Kring-Privilegien mit einbezogen, so dass diese bereits am 20. Oktober 1946 mit dem Erntespiel „Wi wüllt läwen“ von Heinrich Diers ihren Spielbetrieb offiziell wieder aufnehmen konnte.
Carl Hinrichs war nun der neue Bühnenleiter der August-Hinrichs-Bühne. Der alte Spie-lerstamm fand sich langsam wieder ein. Einige, wie Adolf Weddi mussten im Krieg ihr Leben lassen, aber viele neue, junge Spieler kamen hinzu, so dass die Schauspielqualität wieder ein hohes Niveau erreichte und der Schlosssaal des Oldenburger Schlosses, als neue Spielstätte, meistens ausverkauft war. Gut 20 Jahre leitet Carl Hinrichs die AHB. Im Stil veränderte sich nicht so viel, aber die moderne Technik wurde erfolgreich genutzt, Viele Gastspiele fanden in ganz Westdeutschland statt und AHB-Schauspieler wirkten in Filmen mit. Weil das Erste Deutsche Fernsehen vorwiegend mit der Ohnsorg-Bühne zusammenarbeitete, produzierte das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) folgende AHB-Auf-führungen und sendete diese mit großem Erfolg über seinen Kanal:

1963 ZDF „De Deern is richtig“ van Anton Hamik
1964 ZDF „Familienanschluss“ van Karl Bunje
1964 ZDF „De warte Hannibal“ van Karl Bunje
1964 ZDF „För de Katt“ van August Hinrichs
1965 ZDF „Appels in Navers Gaarn“ van Walter A. Kreye
1966 ZDF „Mien Mann de föhrt to See“ van Wilfried Wroost
1966 ZDF „Kramer Kray“ van Hermann Boßdorf
1966 ZDF „Ferdinant verpummt sien Froo“ van Wilfried Wroost
1967 ZDF „Peper un Solt“ van Karl Bunje
1978 NDR „Reuter Revue“ van Hans Joachim Theil
1979 NDR „För de Katt“ van August Hinrichs 

In den Folgejahren schlossen sich immer häufiger neue Schauspielerinnen und Schauspieler der AHB an und verstärkten das Ensemble. Die Qualität der Aufführungen wurde dadurch erheblich verbessert. Am 07. Dezember 1967 stirbt Carl Hinrichs.

Heinz Schnittker, der schon seit 1939 bei der Bühne ist, übernahm auf Wunsch der Theatergruppe die Bühnenleitung. Er setzt auch weiterhin auf bewährte, ausgereifte Bühnenstücke. Glücklicherweise entwickeln sich wieder SchauspielerInnen zu echten Typen, die sich beim Publikum außerordentlicher Beliebtheit erfreuten. Dazu gehörten Spieler wie Carl Hinrichs, Heinrich Kunst, Rudolf Janßen, Imke Eckart und einige mehr. SchnitkerGussy Schnittker entwickelte sich zu einer erstklassigen Souffleuse. 
In der Zeit von 1968-1975 änderte sich nicht viel. Heinz Schnittker war ein guter und soli-der Mann, aber die Bühne blieb eher konservativ und lebte sehr stark von den Wiederholungen älterer, erfolgreicher Stücke. Dem Publikum schien dies damals zu gefallen, denn die Besucherzahlen blieben recht konstant. Dennoch musste sich unbedingt etwas ändern. Wenn eine Tradition nur verwaltet wird, hat sie auf Dauer keine Überlebenschance; sie stirbt spätestens mit ihren Protagonisten. 

Nach dem Tode von Heinz Schnittker wurde Günter Kühn amKuehn 08. August 1975 zum neuen Bühnenleiter gewählt. Seine Berufung an die Spitze der AHB war gerade für die 70er, 80er und den Folgejahren besonders positiv. Er begann, zunächst noch sehr vor-sichtig, eine Wandlung in der AHB zu einer moderneren Theaterbühne mit einer zeit-gemäßen Thematik und Problematik einzuleiten. So schön und so romantisch und mit guten schauspielerischen Leistungen die alten Zeiten sich in den Stücken auch präsentierten, es war nur noch Erinnerung, denn den Knecht und die Magd und den alten Bauernhof gab es nicht mehr. Die Zeit war darüber hinweggefegt und die Gesellschaft musste sich mit ganz anderen Problemen auseinandersetzen. Kühns Engagement, sich unverzüglich der heutigen Thematik zuzuwen-den, war zur Erhaltung des niederdeutschen Bühnenspiels absolut notwendig. Durch diese Art der Neuausrichtung erhielt die Überlebenschance der niederdeutschen Dramatik eine ganz neue Qualität. Kühn hatte sich viel vorgenommen, er schrieb selber aktuelle Bühnenstücke, übersetzte moderne und klassische Schauspiele ins Plattdeutsche und schaffte eine Verbindung zu den DDR-Bühnen in Mecklenburg-Vorpommern. So spielte die Bühne „De Trallen“ von Günter Kühn, Regie Rudolf Plent und erhielt dafür 1981 den „Willy Beutz Schauspiel-Preis des Niederdeutschen Bühnenbundes Niedersachsen und Bremen. Die „Reuter-Revue“ von dem Rostocker Autor Hans-Joachim Theil, Regie Rudolf Plent mit Heinrich Kunst als Onkel Bräsig, war ein großer Publikumserfolg, der 1978 vom NDR aufgezeichnet und 1980 gesendet wurde. Eine besondere Würdigung hat das von Günter Kühn ins Plattdeutsche übersetzte und von Rudolf Plent inszenierte Schauspiel „Maria Flint“ von Max Gerhardt verdient. Die eindrucksvolle Darstellung der Titelrolle durch Anke de Haan-Köster brachte der Bühne wieder einen Willy-Beutz-Schauspielpreis ein. Unter den vielen Stücken, die hier eigentlich noch genannt werden müssten, soll nicht das sehr erfolgreiche Bühnenstück „Dat Stück Land“ von J.B. Keane, Regie Jens Ehlers fehlen. Es erhielt 1991 den 2. Platz bei der Willy-Beutz-Preisverleihung.
Geschickt verstand es Kühn einen Stamm älterer Zuschauer zu halten, indem er auch zwischendurch immer einmal wieder ein heiteres Theaterstücke aus früheren Zeiten spielen ließ. Zum Beispiel wurde 1983 aus Anlass ihrer 60jährigen Zugehörigkeit zum Staatstheater das Stück „Stratenmusik“ von Paul Schurek gespielt, dass 1922 das erste abendfüllende Stück der jungen Niederdeutschen Bühne Oldenburg gewesen war. 1985-1986, als die Spielstätte im Schloss umgebaut wurde, musste die AHB fast zwei Jahre in der Aula des Herbartgymnasiums spielen. Dies war für alle, für Spieler, Bühnenleitung und Zuschauer eine schwierige Zeit! Als Günter Kühn 1995 als Bühnenleiter zurücktrat und Herwig Dust die Leitung übernahm, hatte er die Umwandlung der Niederdeutschen Bühne Oldenburg von den bis dahin üblichen Theaterstücken der Heiterkeit und Bauernkomödien zum ernsthaften und modernen Schauspiel erfolgreich eingeleitet und schon ein gutes Stück vorangetrieben. Damit hatte er den Platz des niederdeutschen Theaters in Oldenburg erheblich gefestigt.
dustIm September 1995 wurde Herwig Dust mit großer Mehrheit und starkem Rückhalt der Mitglieder der August-Hinrichs-Bühne zum neuen Bühnenleiter gewählt. Seine Aufgabe war nicht einfach, denn er musste die von Kühn eingeleitete Modernisierung der AHB weiterführen und vor allem weiter entwickeln. 
Es zeigte sich aber schnell, dass die AHB-Bühnenmitglieder dem Richtigen ihr Vertrauen gegeben hatten, denn Herwig Dust hatte Mut, viele gute Ideen und das nötige Durchsetzungsvermögen. Herwig Dust schaute auch gleich über den Rand der AHB hinaus und wurde 1995 Vizepräsident des Niederdeutschen Bühnenbundes Niedersachsen und Bremen e.V. und ist seit 1999 Leiter der Geschäftsstelle. Mit klassischen Stücken, die meist gut übersetzt und inszeniert wurden, formte er eine Niederdeutsche Bühne, die zeitgemäß ist und mit dem professionellen Theater durchaus konkurrieren kann. So wurden zum Beispiel folgende Klassiker gut ins Plattdeutsche übersetzt und gespielt: Dürrenmatt, „Der Besuch der alten Dame“; Tennessee Williams „Glasmenagerie“ oder Horvath das sozialkritische Stück „Geschichten aus dem Wienerwald“ (…van de Küst) mit dem außergewöhnlichen Bühnenbild, bei dem die Zuschauer ihren Platz auf einer Drehscheibe hatten und jeweils zu den verschiedenen Spielstätten gedreht wurden. Vor allem aber müssen 1999 „Rose Bernd“ von Gerhard Hauptmann, mit Alexandra Peters, in der Regie von Hans-Peter Renz und 2007 „Geesche Gottfried“ von Rainer Werner Fassbinder, in der Regie von Michael Uhl erwähnt werden. Es waren großartige Auffüh-rungen, für die die AHB jeweils wieder einmal den Willy-Beutz-Schauspielpreis erhielt.
Am 17. Oktober 1998 zog die AHB mit der Premiere „Foftein“ vom Schlosssaal zum Staatstheater um, und zwar in den neuen, kleineren Theateranbau „Das kleine Haus“. Für die Zuschauer war dies wieder ein kritisch beäugter Wechsel, der aber schließlich gut angenommen wurde. 
Nach dem Tode von Heinrich Kunst wurde sein Bauernhaus in Ofenerfeld (Wiefelstede) zu einer Begegnungsstätte umgebaut. hkhHier richtete die AHB eine Studiobühne ein und feierte am 14. April 1999 eine großartige Premiere. Besonders erfolgreiche Aufführungen in dieser Studiobühne waren unter anderem: „Franz Fritsch....weer dat nich `n Jöd“, Frauke Petersen….“, „Bieder sien Sternstünn“ und „Du“. Die Nachwuchsschulung war für Herwig Dust von Anfang an ein zentrales Anliegen. Ohne Nachwuchs – kein Fortbestand! Um diesen aber zu sichern, ging er wieder einmal einen ungewöhnlich mutigen Weg, für den er zunächst viel Kritik erhielt. In einer Ausschreibung, besonders für junge interessierte Mitbürger an dem plattdeutschen Bühnenspiel, setzte er als Vorbedingung nicht etwa, wie von den meisten erwartet, Plattdeutschkenntnisse und Talent zum Spielen voraus. Beides konnte nach seiner Meinung erlernt werden und der Erfolg gab ihm Recht. Einige dieser Jungtalente haben schon auf der großen Bühne mitgespielt. Er öffnete damit ein breites Fenster für die Erhaltung und Belebung der plattdeutschen Sprache und deren Bühnenspiel als wichtiges norddeutsches Kulturgut. Bereits 1997 begann er in Kursen und Projekten Nachwuchsschauspieler heranzubilden. Heute heißt die erfolgreiche Nachwuchsförderung „Platt`n Studio“.
Unter dem neuen Intendanten Markus Müller (2006- 2014) erhält die AHB einen noch größeren professionellen Charakter. Die Niederdeutsche Sparte am Oldenbugischen Staastheater mit der August-Hinrichs-Bühne als
Herzstück wird zu einer eigenen Schauspielsparte im Gesamtspielbetrieb. Eine spürbare Neuausrichtung in künstlerischer wie in organisatorischer Hinsicht ist für Alle erkennbar. Auch im Bereich des Kinder-und Jugendtheaters wird erheblich auf Erneuerung gesetzt. Professionelle Schauspielerinnen und Schauspieler ergänzen das unter professionellen Bedingungen wirkende AHB Ensemble. Die Einrichtung einer Dramaturgie für Niederdeutsches Schauspiel, die Position eines leitenden Regisseurs sollen diesen Weg nicht nur unterstützen, sondern auch für zeitgemäße Umsetzungen niederdeutscher und ins Niederdeutsche übertragbare hochdeutsche Literatur sorgen.  Die Inhalte der Spielpläne ändern sich zunehmend. Man setzt gemeinsam auf neue Entdeckungen und Wagnisse. Die tradierten Inhalte der üblichen Niederdeutschen Schwänke und Komödien sind nicht mehr im Fokus der gemeisamen Theaterarbeit. Dieser Weg wird auch mit der Intendanz von Christain Firmabch ( ab 2014) fortgesetzt. Der Wunsch nach mehr Unterhaltung und die Frage nach dem klassischen niederdeutschen Theater mit seiner traditionellen Verwurzelung mit der Region und den damit verbundnen Wünschen und Bedürfnissen beflügeln die Fragen der zukünftigen Jahre.
Bohlen
Seit 2016 steht Petra Bohlen, langjähriges Mitglied der AHB, an der Spitze der traditionellen Bühne. Sie wird zukünftig gemeinsam mit dem Oldenbugischen Staastheater dafür Sorge tragen, das Niederdeutsches Theater in Oldenburg seine kulturpolitische Aufgabe, Förderung und Pflege der Niederdeutschen Sprache durch Theateraufführungen, erfüllt. 
 





 

 

Text: Fitz Lottmann / Herwig Dust
Fotos: AHB

 


Chronologie


1921   Entstehen einer Spielleitung bei Gründung des Olborger Kring.
          Leitung: Dr. August Frese

1923   Anbindung an das Landestheater als Niederdeutsche Bühne unter Renato Mordo.
          Leitung der Bühne: Emil Hinrichs

1939   Umbenennung der Niederdeutschen Bühne in August Hinrichs Bühne durch die Mitglieder.

1945   Ruhen des Spielbetriebs infolge Kriegsende.

1947   Wiederaufnahme des Spielbetriebs unter der Leitung von Carl Hinrichs.

1967   Übernahme der Bühnenleitung durch Heinz Schnittker.

1975   Übernahme der Bühnenleitung durch Günter Kühn.

1995   Übernahme der Bühnenleitung durch Herwig Dust.

2006   Einbindung der AHB als Sparte „Niederdeutsches Schauspiel“ am Oldenburgischen Staatstheater durch Generalintendant   
          Markus Müller

2014   Weiterführung der gemeinsamen Arbeit mit Generalintendant Christian Firmbach

2016   Übernahme der Bühnenleitung durch Petra Bohlen